Medizinische Nutzung von psychedelischen Substanzen

Bita Sadraei

Seit einigen Jahren rücken psychedelische Substanzen erneut in den Fokus der medizinischen Forschung. Grund dafür sind die steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen sowie neue wissenschaftliche Studien, die auf wirksame Behandlungsmöglichkeiten bei Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) und Angststörungen hinweisen. Psychische Erkrankungen zählen inzwischen zu den häufigsten Gesundheitsproblemen weltweit und stellen das Gesundheitssystem vor große Herausforderungen. Die Forschung zu Psychedelika gilt daher als hoch relevant für Gesellschaft und Medizin, da sie neue Therapieansätze für bislang schwer behandelbare Erkrankungen bieten könnte. Dies wirft jedoch auch ethische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen auf, da Psychedelika bewusstseinsverändernde Substanzen sind, die Wahrnehmung, Emotionen und das Selbstempfinden tiefgreifend beeinflussen können. Zu den klassischen Psychedelika zählen Psilocybin, LSD und DMT. Diese Substanzen können intensive Veränderungen der Wahrnehmung, des Denkens und der emotionalen Verarbeitung hervorrufen. MDMA wird aufgrund seiner empathiefördernden Wirkung häufig gesondert betrachtet, da es weniger stark halluzinogene wirkt und vor allem Angst reduziert sowie Gefühle von Nähe und Vertrauen verstärkt. Ketamin wird bereits „off label“ in der Behandlung von schweren Depressionen eingesetzt, unter anderem als Esketamin-Nasenspray. Es kommt meist dann zum Einsatz, wenn andere Therapieformen nicht ausreichend wirken. Trotz ihrer Unterschiede werden diese Substanzen in der Forschung gemeinsam untersucht, da sie allesamt veränderte Bewusstseinszustände auslösen, die therapeutisch genutzt werden können.

Aktuelle Studien, unter anderem von der Charité Berlin und dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, zeigen, dass eine psychedelisch unterstützte Psychotherapie depressive Symptome deutlich lindern kann. Psilocybin wirkt als Antidepressivum und MDMA hat sich in mehreren Studien bei der Behandlung von PTBS als wirksam erwiesen. Patient:innen berichten unter anderem von einer verbesserten Verarbeitung belastender Erinnerungen. Psychedelika könnten somit künftig eine wichtige Rolle bei der psychiatrischen Versorgung spielen.

Gleichzeitig ist das Thema hoch komplex. Psychedelische Substanzen wirken nicht nur pharmakologisch, sondern auch stark abhängig vom psychischen Zustand der Patient:innen sowie vom sozialen und therapeutischen Umfeld. Diese Therapieform unterscheidet sich deshalb deutlich von der klassischen medikamentösen Behandlung. Die Behandlung erfordert ein spezielles Therapiekonzept, eine gründliche Vorbereitung, eine begleitete Substanzgabe und eine intensive Nachbetreuung. Zudem bestehen rechtliche Einschränkungen, da Psychedelika in vielen Ländern illegal sind. In Deutschland beispielsweise gelten sie größtenteils als illegale Betäubungsmittel und besitzen keine medizinische Zulassung.

Hinzu kommt die ethische Fragestellung. Psychedelische Erfahrungen können das Selbstbild sowie persönliche Werte und Überzeugungen verändern. Kurzfristige Nebenwirkungen können unter anderem Blutdruckanstieg und Herzrasen sein. Während dies therapeutisch hilfreich sein kann, bringt es auch Risiken mit sich, etwa durch Suggestibilität oder mögliche Persönlichkeitsveränderungen. Zudem sind die Langzeitfolgen bislang nur unzureichend erforscht, insbesondere bei Menschen mit einem erhöhten Psychoserisiko. Aus diesem Grund wird ein verantwortungsvoller und sorgfältig kontrollierter Umgang mit diesen Substanzen gefordert.

Zusammenfassend zeigen aktuelle Forschungsergebnisse, dass psychedelische Substanzen ein erhebliches medizinisches Potenzial besitzen. In welchem Umfang sie künftig in der psychiatrischen Praxis eingesetzt werden, hängt jedoch nicht nur von weiteren wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auch von der gesellschaftlichen Akzeptanz sowie von ethischen und rechtlichen Entscheidungen ab. Von entscheidender Bedeutung wird sein,ob klare gesetzliche Rahmenbedingungen und verbindliche therapeutische Standards geschaffen werden können. Ebenso notwendig sind weitere Langzeitstudien, um mögliche Risiken und Nebenwirkungen besser einschätzen zu können. Erst wenn die medizinische Wirksamkeit, die Patientensicherheit und die ethische Verantwortung gleichermaßen gewährleistet sind, kann ein breiter Einsatz psychedelischer Therapien in der regulären psychiatrischen Versorgung in Betracht gezogen werden.

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