Bohren für den Frieden- jetzt auch mit Mitleidsfonds!
Elisabeth Neumann
In der heutigen UV-Sitzung wurde wortwörtlich tief gegraben. Allerdings weniger in der Tiefsee als in der schlammigen Doppelmoral mancher Mitgliedstaaten. Unter dem edlen Motto des „gemeinsamen Erbes der Menschheit“ präsentierte die Delegation Russlands den eigenen Resolutionsentwurf, inklusive eines Fonds, in den alle Staaten fünf Prozent ihrer Gewinne aus Tiefseebauten einzahlen sollen, um später für die entstandenen ökonomischen Schäden aufzukommen. Eine Geste der globalen Solidarität und womöglich die erste Spende, die Russland je freiwillig für internationalen Frieden leisten möchte. Kein Wunder, schließlich teilt man am liebsten dann, wenn noch gar nichts da ist.
Die Ukraine ließ das nicht unkommentiert. Wie ein Staat, der derzeit das Völkerrecht mit Füßen tritt, plötzlich die Menschheit beerben will, bleibt für viele Delegierte ein Rätsel. Russland wischte den Einwand kühl beiseite: Das habe nichts mit dem Thema zu tun, schließlich wird lieber in der Tiefsee gebohrt als in den eigenen Sünden.
Nigeria wagte den Versuch, Solidarität tatsächlich ernst zu nehmen und erinnerte daran, dass Unterstützung für Entwicklungsländer mehr sein sollte als nur leere Versprechungen auf Papier. Die USA reagierten prompt: lautstark und herablassend empfahlen sie Nigeria, sich „die Ohren waschen“. Schließlich, so die Logik der USA, sei der Aufstand Nigerias bezüglich ihres Ökosystems momentan „unnötig“, da die Tiefsee unmöglich geschädigt sein könne, solange sie noch gar nicht ausgebeutet wurde. Fortschritt durch Vorsorge, oder besser gesagt: erst zerstören, dann bedauern.
Osttimor setzte dem Ganzen die Krone auf und kritisierte das von den USA propagierten Motto der Sitzung "Drill now, worry later". Ein Leitspruch, der offenbar das neue globale Selbstverständnis zusammenfasst – bohren, baggern, blockieren und dann gemeinsam auf Kosten der Küstengebiete das eigene Erbe feiern. Die Menschheit ist eben am kreativsten, wenn sie tief genug im Dreck wühlt.